Im Journal der Gesellschaft der Freunde
der Wiener Oboe erschien folgender Artikel, der hier in überarbeiteter
Form abgedruckt wird. Anlass war die Diskussion unter Musikern bezüglich
der Weiterentwicklung dieses Instruments. Die Meinungen zu diesem Thema
gehen weit auseinander. Zum einen ist der Erhalt dieses historischen Instruments
mit seinen Besonderheiten zu berücksichtigen, zum anderen verändern
sich auch die Ansprüche der Musiker. Würde es keinerlei Modernisierung
geben, wäre der Fortbestand dieses Instruments ebenso gefährdet.
Zur Beurteilung dieser Frage soll hier
aus der Sicht des Instrumentenbauers die historische Entwicklung der wiener
Oboe aufgezeigt werden.
Speziell bei diesem Instrument, daß
wie kein anderes im klassischen und deutschen Instrumentenbau des 19. Jahrhunderts
verwurzelt ist, kann eine Weiterentwicklung nur dann beurteilt werden,
wenn wir wissen, wieso dieses Instrument heute noch so aussieht.
Daß das weder der Phantasielosigkeit
der Instrumentenbauer, noch einem falsch verstandenen Historismus der Musiker
zuzuschreiben ist, geht aus der folgenden Darstellung hervor.
19.Jahrhundert
Ganz zu Beginn des 19. Jhdts. gab es in
ganz Europa zwar eine stetige, aber keine revolutionäre Entwicklung
im Holzblasinstrumentenbau. Nur zögerlich stattete man die Instrumente
mit mehr Klappen aus. Im deutschsprachigen Raum gab es Zentren wie Nürnberg,
Dresden, Wien und später Markneukirchen in Sachsen und wenige Kilometer
entfernt das österreichische Graslitz im deutschsprachigen Teil Böhmens.
Hier entwickelte sich während des
letzten Jahrhunderts eine Tradition des Holzblasinstrumentenbaues, die
insgesamt unter dem Begriff "deutsch" zusammengefaßt wird. Zunächst
gab es aber europaweit lokale Eigenheiten und regionale Verwandtschaften,
noch nicht aber eine spezifische "Deutsche Oboe".
Die „Wiener Oboe" des 19. Jahrhunderts
In Wien setzte Stephan Koch (1772 - 1828)
einen ersten mutigen Schritt nach vorne und entwickelte ab etwa 1820 eine
sehr moderne Oboe. Neben einer modernisierten Mechanik mit bis zu 13 Klappen
weisen diese Instrumente eine für damals extrem enge Bohrung auf,
ähnlich der knapp darauffolgenden Entwicklung in Frankreich. Durch
diese starke Verringerung des Bohrungsvolumens, vor allem im obersten Bereich,
wollte man u.a. eine ausgeglichenere Intonation und eine gleichmäßigere
Klangqualität erreichen. Gleichzeitig konnten auch die Tonlöcher
etwas weiter gebohrt werden, weil sonst die überblasenen Oktaven zu
tief geraten. Allerdings bewirkt diese Mensur einen etwas schärferen
und auch nasaleren Klang.
Die Wandstärke war wesentlich dünner
als bisher üblich, insgesamt wirkt das Instrument schlanker und weniger
„barock". Charakteristisch war auch die mit dem rechten Daumen zu
betätigende H-Klappe. Die Klassische Korpusform wurde aber beibehalten
ebenso wie die bekannte Art der sogenannten Langstielklappen mit in Holzwülsten
quergelagerten Achsen. Wirklich neu war jedoch die Bohrung. Ähnliche
Instrumente wurden auch in anderen Wiener Instrumentenbauwerkstätten
hergestellt (Küss, Uhlmann, Ziegler)
Der Oboist Joseph Sellner (1887-1843)
war maßgeblich an der Entwicklung dieses Instruments beteiligt. Er
verfasste auch eine eigene Oboenschule für dieses Instrument (mit
Abblidung und Grifftabelle), was zur größeren Verbreitung der
Wiener Oboe oder „Sellner-Oboe" beitrug. Als relativ fortschrittliche Instrumente
genügte diese jahrzehntelang den Ansprüchen der Wiener
Musiker und war auch außerhalb Wiens bekannt, allerdings, auch nicht
unumstritten wie wir weiter unten erfahren werden.
Böhm / Frankreich im 19. Jahrhundert
Jetzt zu Theobald Böhm (1794-1881)
und nach Frankreich, wo die Innovationen Böhms zuerst verwirklicht
und von den Musikern angenommen wurden. Das wesentliche an Böhms Neuerungen
war eine Neukonzeption der Instrumente in akustischer Hinsicht. Diese sah
vor, daß jeder Halbton sein eigenes Tonloch bekommt, diese sehr groß
gebohrt werden und die Tonlöcher der Reihe nach von unten nach oben
alle geöffnet werden. Das heißt, es gab unterhalb des wirksamen
Tonloches nur mehr geöffnete Löcher und keine geschlossenen Halbtonklappen.
Die ganze 2. Oktave war kurz zu greifen. Um das zu verwirklichen mußte
er jene genialen klappenmechanischen Erfindungen machen, von denen wir
heute noch zehren. Außerdem mußte das Griffsystem verändert
werden und auch bei Oboen der Konus extrem steil gebohrt werden.
Da dieses nahezu kompromißlos umgesetzte
System nicht nur anders zu greifen war, sondern insbesondere bei Böhm-Oboe
und Böhm-Fagott einen völlig neuartigen Klang ergab, konnte sich,
wenn auch nur zögerlich, nur die Böhmflöte durchsetzen..
Böhms Ideen hatten jedoch insgesamt unbestritten großen Einfluß
auf die gesamte weitere Entwicklung .
Im Gegensatz zum Deutschsprachigen Raum
war man in Paris im 19. Jahrhundert sehr innovationsfreudig und für
die instrumentenbautechnische Revolution gut vorbereitet : Mechanische
Details wie "Kugelbocklagerung", Nadelfedern und neue Polster eröffneten
gemeinsam mit der Brillenklappe von Böhm völlig neue Möglichkeiten.
Neue akustische Erkenntnisse, neue Techniken und Maschinen für die
Metallbearbeitung kamen hinzu. So entwickelte August Buffet die sogenannte
Böhm-Klarinette, Adolphe Sax das Saxophon, und Frederic Triebert (1813-1878)die
Französische Oboe, um nur die Instrumente zu nennen, die heute noch
in Verwendung sind.
Die unpraktischen Langstielklappen verschwanden
fast vollständig zugunsten der längsgelagerten Mechanik, die
ein vernünftiges Zusammenwirken von Brillen , Deckeln
und Hebeln erst möglich machen, was für die zahlreichen automatischen
Schließmechaniken unumgänglich ist. Die rein akustische Konzeption
Böhms wurde kaum übernommen, am ehesten noch beim Saxophon mit
den großen Tonlöchern und den Griffen samt zugehöriger
Mechanik für f, fis und b, bei der Böhm-Klarinette die Griffe
f (b) und fis (h) und am wenigsten bei der Französischen Oboe. Alle
diese Instrumente verwenden nämlich sehr viele, oder ausschließlich
geschlossene Halbtonklappen!!
Triebert verwendete zwar alle technischen
und akustischen Neuerungen seiner Zeit geradezu exzessiv, entwickelte
sein Instrument aber aus der klassischen Oboe heraus . Seine Mechanik gründete
sich auf eigene Ideen, Neuerungen von Böhm, Buffet und vielen anderen,
sowie auf zahlreichen Details, deren Erfindung einfach in der Luft lag
ohne daß man genau sagen kann wer hier der Erste war.
Die Bohrung dimensionierte Triebert völlig
neu und ungewohnt eng. Hier gibt es Hinweise in der Fachliteratur, die
die Möglichkeit, daß F.Trieberts Vater die Idee einer engen
Bohrung von den damaligen Wiener Oboen übernommen hat, zumindest nicht
ausschließen. Allerdings stellte diese Wiener Bohrung die Ausnahme
der deutschen Regel von der weiten Bohrung dar, wie wir später
erfahren. Diese Enge Bohrung ermöglichte es unter anderem bis zum
c’’’ kurze Griffe zu verwenden, im Gegensatz zu den bisher üblichen
Langen Griffen (die Wiener Oboe verwendet bis heute noch lange Griffe
vom b’’ aufwärts)
Der Oboenkorpus wurde dünnwandiger,
der Wulst innen am Becherende verschwand ebenso, wie die uns (in Wien)
liebgewordene Zwiebel, die Triebert einfach zu 2/3 wegdrechselte, um die
Oktavklappe optimal anzubringen. Ebenso verschwand die umständlich
zu greifende Fis-Klappe (auch diese Klappe überlebte auf der Wiener
Oboe)
Böhm, Sax und Triebert mußten
bei der Verwirklichung ihrer Ideen nicht nur mit klassischen Klangvorstellungen,
sondern auch mit der traditionellen Bauweise radikal aufräumen und
gestalteten Korpus, Bohrung, Griffe und Klappenmechanik völlig neu,
bis hin zur Verwendung des Metallkorpus.
So entstand damals in Paris eine neue
eigenständige Art Instrumente mit gemeinsamen Merkmalen zu bauen,
die alle Holzblasinstrumentengattungen samt ihren Nebeninstrumenten betreffen.
Deshalb spricht man hier, wenn auch nicht ganz exakt, von "Böhm-Systemen","
Böhm-Mechaniken", und von "Französischen" Systemen.
Deutschsprachiger Raum im 19. Jahrhundert
Wieso nun dieser lange Ausflug nach Paris
in die Mitte des 19. Jahrhunderts und der Blick über den Wiener Oboenrand
hinaus?
Die Wiener Oboe trägt noch fast alle
Merkmale des klassischen und deutschen Instrumentenbaues. Diese deutsche
Instrumentenbautradition entwickelte sich im 19. Jahrhundert in permanenter
Auseinandersetzung mit den französischen Systemen.
Jede Gattung für sich, also Deutsche-Klarinette,
Reformflöte, Heckel-Fagott, Heckelphon, Deutsche Oboe usw. entwickelte
sich zwar eigenständig, aber auch unter ständigem Hinüberschielen
in die modernere Französische- oder Böhm-Ecke. Das Ziel war jedenfalls
eine eigene deutsche Instrumentenbaulinie aus dem klassischen Instrumentenbau
heraus konsequent weiter zu verfolgen, gleichzeitig aber technisch und
akustisch einigermaßen am letzten Entwicklungsstand zu bleiben. (Sei
es, daß man sich bewußt abgrenzte, trotzdem einige Kompromisse
schloß, moderne Klappenfunktionen mit alten Klappenmechanismen verwirklichen
wollte oder Äußerlichkeiten beibehielt, um innere akustische
Anpassungen zu "überspielen".)
Deutsche Oboe im 19. Jahrhundert
Nun zur sogenannten „Deutschen Oboe": in
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ignorierte man die französischen
Neuerungen völlig. Die Dresdner Werkstätten Grenser & Wiesner,
Grundmann, C. Golde und Schadenberg, bauten nicht nur Flöten und Fagotte,
sondern auch gute Oboen mit meistens 9 Klappen. Daß diese "Deutsche
Oboe" von der Jury des Pariser Conservatoire ebenso abgelehnt wurde wie
vorher schon Iwan Müllers Deutsche Klarinette, trug nicht unwesentlich
zur oppositionellen und konservativen Haltung der deutschen Instrumentenbauer
bei. Diese Instrumente hatten alle eine ähnliche Bohrung, die sich
aus dem Barock heraus entwickelte. Die Mechanik war einfach, mit langen
Klappen, die noch in Holzwülsten quer gelagert waren. Die unterschiedliche
Qualität der einzelnen Töne war ein Merkmal, auf das man anfangs
bewußt nicht verzichten wollte, später zu Gunsten des vollen
Klanges insgesamt gerne in Kauf nahm. (Eine genauere Beschreibung der Dresdner
Oboen folgt weiter unten.) Die Modernisierung der deutschen Oboe erfolgte
ab 1850, jedoch außerhalb Dresdens. Ein wichtiger Schritt war die
unumgängliche Verwendung von Brillenklappen.Gleichzeitig verschwand
die geschlossene fis- Klappe. Man gab die Wulstlagerung zu Gunsten der
Kugelbocklagerung auf und konnte daher zunehmend mehr Klappen auf längsverlaufenden
Achsen anbringen. Das betraf die Klappen für c, cis, es und
Brillen am Unterstück, die inzwischen 2 Oktavklappen usw., lediglich
die Langstielklappen für b und c am Oberstück sowie am Unterstück
für f, es und h blieben als "deutsche" Klappen noch lange erhalten.
Ab etwa 1880 verschwand die Zwiebel (wegen
der Oktavklappe), die Erweiterungen bei den Zapfenverbindungen waren auch
unnötig, da man hier schlanke Metallzwingen verwendete.
Der Konkurrenzdruck aus Frankreich und
England wurde jedoch zunehmend größer, so daß auch Schließautomatiken
für es und gis eingeführt wurden. Die Halblochklappe für
d´´ kam ebenso wie die Resonanzklappe hinzu. Es paßten
sich aber auch die Anforderungen an Lautstärke und Klang, sowie der
Wunsch nach kurz gegriffenen Tönen in der ganzen 2. Oktave der internationalen
Entwicklung an. Die Folge war die Verwendung des schwereren Grenadillholzes,
engere Bohrung mit dünnerer Wandstärke und schließlich
Übernahme der Oktavautomatik.
Man konstruierte hier sicherlich gute
und brauchbare Instrumente, die Entwicklung war aber geprägt von einer
Übernahme der französischen Neuerungen einerseits, bei gleichzeitiger
halbherziger Beibehaltung deutscher Eigenheiten andererseits. Eine eigenständige
Entwicklung der deutschen Oboe fand also nicht statt, sondern man übernahm
stückweise, mit 50jähriger Verspätung, Erleichterungen der
französischen Oboe und versuchte diese irgendwie mit der deutschen
Mechanik zu kombinieren, die sich aber zunehmend zu Gunsten des eleganteren
französichen Klappensystems auflöste.
Das Ende dieser Entwicklung wird markiert
durch Herstellung eines "Kompromißsystems" bei dem sowohl die deutsche
als auch die französische Griffweise möglich ist!
Flöte Klarinette Fagott im 19.Jahrhundert
Eine ähnliche Entwicklung erlebte
die Querflöte nach deutscher Bauart (Schwedler-Flöte, Reform-Flöte)
deren Geschichte einige Parallelen zur heutigen Situation der Wiener Oboe
aufweist. Zunächst glaubte man an ein Fortbestehen der Eigenart traditionellen
Querflöte als Gegenstück zur Böhmföte. Obwohl schon
mit ein paar Klappen versehen, war das Wesentliche dieses Instrumentes
neben seinem Klang auch seine Einfachheit. Musiker wie Instrumentenbauer
mußten jedoch mit der Zeit gehen und so versah man diese Flöte
mit immer mehr Klappen und Mechaniken, natürlich streng nach deutscher
Tradition als Langstielklappen ausgeführt. Diese Mechanik wies das
Instrument zwar zusammen mit seinem dickwandigen Korpus insgesamt als Deutsche
Flöte aus, war aber nicht nur gewichtsmäßig schwer, sondern
auch schwerfällig in der Bedienung, verglichen mit der alten Traversflöte
einerseits und der leichtgängigen Mechanik der Böhmflöte
andererseits.
Die notwendige Verlängerung bis zum
c´ kam hinzu. Auch die klanglichen Eigenheiten, wie wechselnde Klangfarben
und geringe Lautstärke. Das versuchte man mit schwereren Hölzern
und neuen Bohrungen zu verbessern, war letztendlich aber dem kompromißlosen
System der Böhmflöte unterlegen. Das Schicksal dieses Instrumentes
zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist bekannt.
Wieso überlebten die deutsche Klarinette
und das Heckel-Fagott?
Wichtig scheint mir hier, daß beide
Instrumente von deutschen Instrumentenbauern wirklich innovativ verbessert
wurden (Müller, Heckel, Öhler), hierzulande also einen besseren
Stand hatten als die deutsche Oboe, die der französischen Konkurrenz
immer Stückweise hinterherhinkte. Man muß leider sagen, daß
im deutschsprachigen Raum für die Oboe keine einzige wirkliche Erfindung
gemacht wurde!
Vergleiche ich nun die Entwicklung der
Wiener Oboe in den letzten zehn Jahren hinsichtlich Bohrung und Klappenmechanik
mit der Geschichte der deutschen Oboe vor hundert Jahren, so erlaube ich
mir zu sagen: "Alles schon dagewesen". Von einer echten "Weiterentwicklung"
kann heute keine Rede mehr sein. Der Versuch, die „französischen"
Erleichterungen wie Schließautomatiken, kurze Griffe, Oktavautomatik,
Resonanzklappe, bis hin zur Erweiterung des Tonumfanges bis zum (tief)
b, irgendwie über die "deutsche" Wiener Mechanik darüber zu bauen,
ohne daß sich an den traditionellen Eigenheiten der Wiener Oboe etwas
ändert, stellt nur die Wiederholung einer Entwicklung dar, die im
Prinzip schon vor hundert Jahren gemacht wurde.
Dresden / Carl Goldes Oboe
Zurück zu den Wurzeln der Wiener Oboe:
Während man in Wien und im restlichen
Europa bereits einfachere, schlankere und mechanisch modernere Oboen baute,
hielt man sich im übrigen deutschsprachigen Raum noch mindestens bis
in die Mitte des 19. Jahrhunderts an wesentliche Merkmale des klassischen
Oboenbaues.
Auch die von der Barockzeit bis heute
(!) andauernde Tendenz, Bohrungen immer enger zu machen, vollzog man hier
nur in sehr kleinen Schritten.
Auch Carl Golde in Dresden (+1873) wollte
von den französischen Neuerungen nichts wissen, und hielt aus guten
Gründen an den konventionellen Mensuren (weite Bohrung, relativ enge
Tonlöcher) fest. Er arbeitete auch klappenmechanisch völlig konservativ
und einfach. Seine Instrumente trugen also noch alle Merkmale der klassischen
deutschen Oboe: dickwandiger Korpus aus Buchsbaum, Zwiebel und Ringe am
Oberstück, schön gedrechselte Erweiterungen des Korpus an den
Zapfenverbindungen, Wulst innen am Becherende, lang gegriffene Töne
in der 2. Oktave, geschlossene fis-Klappe, weite, stufenförmige Bohrung,
enge Tonlöcher, "Langstielklappen" usw.
Seine Arbeit war akustisch so ausgewogen,
daß er damals als "sehr renommierter Instrumentenmacher" der "vorzüglich
gute" Oboen baute, bekannt war. Er hielt sogar schriftlich fest, wie die
Bohrung zu arbeiten sei, damit die Instrumente der Klangvorstellung eines
warmen und grundtönigen Tones entsprechen:
"... Man erreicht dann eine kräftige
Tiefe und einen vollen Ton. Instrumente, die nicht gewölbt gebohrt
sind, geben einen dünnen, näselnden Ton wie die französischen
und Wiener Oboen...".
Ohne ahnen zu können, daß einige
Jahre später sein Instrument zur neuen "Wiener Oboe" des 20. Jahrhunderts
wurde, dokumentierte Golde mit diesem Satz bereits damals welch tiefgreifender
Unterschied zwischen der Wiener Oboe des 19.Jahrhunderts von Koch/Sellner
und der heutigen Wiener Oboe besteht. Die Golde-Oboe sollte eben nicht
so klingen wie die Wiener Oboen!
Wien zur Jahrhundertwende
Zum Umstieg von der "alten" zur "neuen"
Wiener Oboe:
In Wien hatte man während des 19.
Jahrhunderts mit der Sellner-Oboe ein anfangs fortschrittliches und später
immer noch gutes Instrument zur Verfügung, so daß man hier getrost
die internationale Entwicklung ignorieren oder verschlafen Spätestens
zur Jahrhundertwende war die "alte" Wiener Oboe jedoch klappenmechanisch
völlig veraltet.
Die Modernisierung der deutschen Oboen
war bereits voll im Gange. Im österreichischen Graslitz und Umgebung
etablierten sich zahlreiche Manufakturbetriebe (z.B.Püchner, Kohlert
usw.).Diese konnten sich mit ihren deutschen Oboen in Wien aber nicht durchsetzen,
trotz ihrer geographischen, politischen und kulturellen Nähe.
Die französische Oboe war damals
ohnehin kein Thema.
1880 kam der Dresdner Richard Baumgärtel
(1858-1941) als Oboist an die Wiener Hofoper und als Professor an die Wiener
Musikakademie und brachte ein Instrument Goldes nach Wien mit.
Weil diese Golde-Oboe in der höheren
Dresdner Stimmung gebaut war mußte es in längerer Form in der
Werkstätte des Wiener Instrumentenbauers Joseph Hajek neu angefertigt
werden. Das war der Anfang der heutigen Wiener Oboe. Das kuriose daran:
Weder die Sellner-Oboe noch die Golde-Oboe konnten damals als moderne Instrumente
gelten. Goldes Oboe war aber entwicklungsgeschichtlich gesehen das konservativere
Instrument. Trotzdem war dieses die Vorlage für die „neue" Wiener
Oboe des 20. Jahrhunderts.
Die Wiener Oboe des 20. Jahrhunderts
Hajek verwendete Goldes Mensuren (Bohrung,
Tonlöcher, Wandstärke etc.) stattete das Instrument aber gleichzeitig
mit einer etwas moderneren „Wiener" Mechanik aus.
Diese Mechanik wurde im lauf des 20. Jahrhunderts
zwar erweitert blieb aber ähnlich der Mechanik der deutschen Oboen.
Charakteristisch für diese Wiener Mechanik ist die besondere Anordnung
der Klappen für linken und rechten kleinen Finger mit dem besonders
geformten Es-Drücker, die Geschlossene Fis-Klappe mit Automatik, die
Schließverbindung von G-Brille auch zur A-Klappe, 3 Oktavklappen
ohne Automatik, Schaufelförmige Griffplatte für 1.Finger rechts
usw. Die Korpusform blieb klassisch mit Balluster(Zwiebel) Ringen,
Erweiterungen an den Zapfenverbindungen und mit der besonderen Form des
Bechers. Der Tonumfang reicht in der Tiefe nur bis h. Insgesamt war die
Mechanik eher einfach ohne Schließautomatiken von halblochklappen.
In dieser Form blieb die Wiener Oboe viele
Jahrzehnte bis in die 70er Jahre nahezu unverändert. Für die
besondere Griffweise dieses Instruments verfasste Prof.Hadamovsky eine
eigene Grifftabelle mit Abbildung. Typisch sind die langgergriffenen Töne
in der 2.Oktave ab dem b2 (der lange Griff für a2 wurde nur mehr selten
gespielt). Es wird dabei der 2. Oberton angeblasen, ungefähr die Duodezime.
Als wichtiger Instrumentenbauer ist Hermann
Zuleger (1885-1849) zu erwähnen der Nachfolger Hajeks.
Nach dem Krieg bauten Hubert Schück
(1931-2000) und und Walter Kirchberger (Pächter der Werkstätte
Zuleger&Co) zahreiche Wiener Oboen in der inzwischen höheren
Stimmung. Hubert Schück schloss seine Werkstätte 1995 Walter
Kirchberger trat zu Jahresende 2000 in den Ruhestand. Beide Werkstätten
stellten jedoch die Produktion von Oboen schon gegen Ende der 70erJahre
ein. Daraufhin übernahm die Firma Yamaha die Versorgung der wiener
Oboisten mit Instrumenten und rettete vorlöufig dieses Instrument
aus ihrer existentiellen Krise. Yamaha kopierte zunächst das Zuleger-Modell
allerdings bereits mit einer etwas engeren Bohrung. Eine Resonanzklappe
verbesserte zwar das Gabel-F machte aber einen wiener Griff für c’’
unmöglich.
Abgesehen von einer eher übertrieben
dicken Zwiebel blieb das Instrument vorerst nahezu unverändert. Seitdem
ist dieses hochwertige Industrieinstrument die Standard-Oboe - für
Wiener Philharmoniker gleichermaßen wie für Anfänger. Mit
der Produktion von maximal 5 Stück im Jahr kann der Bedarf an Wiener
Oboen gedeckt werden
Zu erwähnen sind hier noch
einige Einzelstücke die in den 80er Jahren in der Innsbrucker Werkstätte
Tutz sowie in meiner Werkstätte erzeugt wurden. Auch die Firma Wolf
aus Kronach stellt Wiener Oboen her, diese werden aber in Wien so gut wie
nicht verwendet.
Weiterentwicklung ins 21.Jahrhundert
Dieses einfache Instrument hat nun trotz seiner Vorzüge im wesentlichen 2 Nachteile. Das eine ist der nach unten begrenzte Tonumfang was das Spielen mancher Stücke des 20.Jahrhunderts unmöglich macht, das andere ist die einfache Mechanik mit der einige schnelle Verbindungen erschwert und manche Triller unmöglich rein zu spielen sind.
Das erste Problem wurde von mir provisorisch gelöst, durch einen längeren Becher samt eigener Mechanik, der im Bedarfsfall anstelle des kürzeren bechers aufgesteckt wird. Das beendete aber nicht die Diskussion ob es sinnvoll ist eine längere Wiener Oboe mit Tonumfang bis zum b zu konstruieren.
Dem Wunsch nach einer besser ausgestatteten
Mechanik trug die Firma Yamaha Rechnung. In Zusammenarbeit mit Wiener musikern,
vor allem mit dem Oboisten Josef Bednarik wurde ein neues Modell entwickelt
das bezüglich automatischen Schließverbindungen ,Trillerklappen
und Oktavautomatik keine Wünsche offen lässt. Ich selbst stehe
als Instrumentenbauer diesem Instrument sehr gespalten gegenüber.
Jedenfalls ist zu honorieren dass hier auf die berechtigten Wünsche
der Musiker (nicht aller!) eingegangen wurde. Dieses Modell etabliert sich
zunehmend neben dem einfacheren Instrument, ist also offensichtlich
eine praktikable Lösung.
Der Versuch alles was die französische
Oboe auch bietet, irgendwie über die wunderbar einfache wiener Mechanik
drüberzustülpen, um konkurrenzfähig zu bleiben, erinnert
mich stark an die oben beschriebenen Entwicklungen der deutschen Oboe und
Querflöte.
Das Instrument ist sehr schwer im Gewicht
und die Mechanik in manchen Bereichen äußerst träge, gleichzeitig
sehr störungsanfällig. Das liegt teilweise an den nicht wirklich
sorgfältig durchdachten Übertragungen der Hebelbewegungen andererseits
aber auch an den schwierigen Vorgaben. Es ist nun einmal fast unmöglich
das archaische deutsche Klappenwerk mit kompliziertesten Hebelverbindungen
zu kombinieren. Nicht umsonst konstruierten Triebert und seine Nachfolger
die Mechanik von Grund auf neu. Somit ging die Leichtgängigkeit der
einfachen Mechanik verloren, ohne aber das präzise Funktionieren einer
französischen Mechanik annähernd zu erreichen.
Die Bohrung dieses Modells wurde noch
einmal enger gearbeitet, sodass mit Hilfe der Oktavautomatik die gesamte
2.Oktave auch kurz gegriffen werden kann. Diese Erleichterung trägt
auch zum langsamen Verschwinden der langen Wiener Griffe bei.
Wohin diese Entwicklung gehen wird bleibt offen.
AUSBLICK
Ein möglicher weiterer Weg
wäre ein radikales Umgestalten der Mechanik, ähnlich der
französischen Bauart. Konsequenterweise mit Tonumfang bis b. Details
wie die geschlossene Fis-klappe und die klassische Korpusform müssten
dann ebenfalls auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft werden.
Eine weitere Möglichkeit wäre neben einer modernen Wiener Oboe das Modell Zuleger als Wiener Oboe des 20. Jahrhunderts zu konservieren, eben als historisches Instrument.
Ich persönlich bevorzuge eine dritte
Variante: Unter weitgehender Beibehaltung der klassischen äußeren
Merkmale sowie der weiten Bohrung eine behutsame modernisierung der Mechanik
soweit das sinnvoll und notwendig ist. Das heißt vor allem eine Ausstattung
nur mit halbautomatischer Oktavmechanik.
Das erfordert auch den Mut des Instrumentenbauers
entgegen seinem persönlichen Ehrgeiz die Musiker dahingehend zu beraten,
dass es besser sein kann, auf eine komplizierte automatische Hebelverbindung
zu verzichten, solange nicht eine wirklich überzeugende mechanische
Lösung gefunden wurde.
In Auseinandersetzung mit diesen Problemen
konnte ich selbst schon einige klappenmechanische Verbesserungen für
diese Wiener Mechanik entwickeln (Oktavautomatik, F#-g#Triller etc.)
In eigener Sache darf ich noch berichten,
dass ich seit wenigen Monaten Wiener Oboen produziere. Es ist dies ein
Modell mit weiter Wiener Bohrung , Oktav-halbautomatik und traditioneller
Mechanik. Erweiterte Klappenausstattung wird vorerst auf Wunsch angefertigt.
Versuche eines längeren Modells bis tief b sind in Vorbereitung.
Auf die Nebeninstrumente zur Wiener Oboe, wurde hier bewußt nicht näher eingegangen. Oboen d’amore und Englischhörner nach wiener System wurden ebenso in den Werkstätten Schück und Zuleger/Kirchberger hergestellt. In den letzten Jahren wurden einige dieser Instrumente als Einzelstücke nur mehr in meiner Werkstätte produziert sowie ein paar Englischhörner der Firma Wolf.
Ebenso wurden hier nicht die Besonderheiten
des Wiener Rohres erörtert, da die Herstellung der Rohre außerhalb
des Kompetenzbereiches eines Instrumentenbauers liegt
Anhang
Um der (hier kurzgefaßten) Meinung
entgegenzutreten, daß heute noch Wesentliche der Wiener Oboe sei
nur die Zwiebel und der Klang, möchte ich diejenigen Merkmale aufzählen,
die noch aus dem deutschen oder wiener Instrumentenbau des 19. Jahrhunderts
und früher stammen und nur mehr bei der Wiener Oboe zu finden sind:
Dresdner Bohrung 1.Hälfte 19.Jhdt mit Merkmalen der Klassik (weit,stufenförmig, Wulst innen am Becher) und des Barock
lange Griffe für (a´´) b´´ bis c´´´ nur mehr beim Fagott üblich
geschlossene fis-Klappe verschwand allgemein ca.1850
G-Brille kombiniert mit Halbloch
Eine wiener Erfindung Ende 19.Jhdt.
für linken Mittelf.
G-Brille links gelagert
sonst allgemein rechts gelagert wegen leichterer
Kombination mit Unterstückmechanik
Quergelagerte Langstielklappen
Typisches Merkmal "deutscher" Mechanik
schwerer, schwerfälliger und schwer kombinierbar
Eigene Anordnung von f, es, h-Drücker typisch für Wiener Oboe
Anordnung der rechten es-Klappe
Überbleibsel einer doppelten es-Klappe mit quergelagerter
Achse
spezielle Form dieses es-Drückers
Resultat aus inzwischen längsgelagerten Klappen für es, c, cis
unter Beibehaltung der alten Anordnung
Lederpolster Bis vor wenigen Jahren noch für die Wiener Oboe üblich, allgemein Merkmal deutscher Instrumente
Halbloch mit Spalt statt Loch Wien 20.Jhd
Schaufelförmige fis-Klappe
Wien
Schleifklappe mitten auf der Zwiebel
In dieser Art einzigartig, weil akustisch problematisch
Korpusform, Ringe und Zwiebel
am Oberstück, Verdickungen an
den
Zapfenverbindungen, Form des Bechers.Ursprung
in der Barockzeit, in dieser Art eher klassisch und eindeutig iener Stil
Nicht zuletzt sei die einfache Mechanik
insgesamt erwähnt. Der Verzicht auf Nachteile und Vorteile aller möglichen
Schließautomatiken, Oktavautomatiken und Zusatzklappen solange wie
möglich, stellte bis vor kurzem ein Charakteristikum des Wiener Oboenbaues
dar.
Vergleich der Bohrungsvolumina an der engsten Stelle am Oberstück:
Hier wurde als Beispiel nur die engste
Stelle verglichen. Dieser Bereich wirkt sich für die Akustik am deutlichsten
aus.
Es wurden die Bohrungsdurchmesser in die
Querschnittfläche umgerechnet.
Das ist sinnvoll, weil für die akustische
Betrachtung die Durchmesser nur indirekt von Bedeutung sind. Wichtig ist
hier der Vergleich des Bohrungsvolumens an einer bestimmten Stelle. Dieses
verhält sich eben direkt proportional zur Querschnittsfläche,
jedoch quadratisch zum Radius. Daraus folgen einige interessante Details:
Verengt ein Instrumentenbauer bei der Weiterentwicklung der Oboe den Bohrungsdurchmesser
über das gesamte Instrument z.B. um nur zwei Zehntel Millimeter, so
bleibt der Winkel des Konus erhalten. Das Bohrungsvolumen verringert sich
aber an der Engstelle um 9%, am Übergang vom Oberstück zum Unterstück
um ca.4% und am Unterstückzapfen um knapp 3%, am Becherende um 1%.
Das heißt:
1. daß durch eine solche kleine
Veränderung die Bohrung an der engsten Stelle zwar nur um 4% enger
wird, das Volumen jedoch gleich um 9% abnimmt.
2. die Steigung des Konus
bleibt zwar erhalten, der Verlauf des Bohrungsvolumens erfolgt aber jetzt
in einem ganz anderen Verhältnis, der Winkel des Anstieges der Querschnittsflächen
wird also wesentlich steiler.
Die Maße haben keine absolute
Gültigkeit:
Barockoboen waren oft wesentlich weiter,
Wiener Oboen von Yamaha gibt es auch mit noch engeren Bohrungsdurchmessern
bis 4,1 mm.