Der Folgende Artikel erschien im Herbst
1999 in der Zeitschrift 'rohrblatt als Entgegnung und Ergänzung
zur immer wieder verbreiteten Meinung, die heutige Wiener Oboe sei eine
Weiterentwicklung der sogenannten "Sellner-Oboe", also der Wiener Oboe
des 19. Jahrhunderts. Wie stark der Bruch zwischen der Wiener Oboe des
19. und der des 20.Jahrhunderts ist, wird hier kurz ausgeführt:
Die Anfang des 19. Jahrhunderts von Wiener
Instrumentenbauern entwickelten Oboen stellten einen genialen und mutigen
Schritt nach vorne dar . Neben einer modernisierten Mechanik mit bis zu
13 Klappen weisen diese Instrumente eine für damals extrem enge Bohrung
auf, ähnlich der zeitgleichen Entwicklung in Frankreich. Durch diese
starke Verringerung des Bohrungsvolumens, vor allem im obersten Bereich,
erreichte man u.a. eine ausgeglichenere Intonation und eine gleichmäßigere
Klangqualität*. Gleichzeitig konnten auch die Tonlöcher etwas
weiter gebohrt werden weil sonst die überblasenen Oktaven zu tief
geraten würden. Allerdings bewirkt diese Mensur einen etwas schärferen
und auch nasaleren Klang. Oboen dieser Art wurden unter anderem in den
Werkstätten Uhlmann und Stefan Koch (1772-1828) hergestellt, letzterer
arbeitete mit dem Oboisten Sellner zusammen.
Sein Instrument erlangte nicht nur wegen
seiner hohen Qualität sondern auch mit Hilfe der von Sellner eigens
für dieses Instrument verfaßten Oboenschule (mit Abbildung und
Grifftabelle) als Wiener Oboe Bekanntheit und Anerkennung. Als relativ
fortschrittliches Instrument genügte es jahrzehntelang den Ansprüchen
der wiener Musiker bis zum Ende des 19. Jahrhunderts.
Die Instrumentenbauer im übrigen deutschsprachigen
Raum hielten sich zwar an die von der Barockzeit bis heute(!) andauernden
Tendenz, Bohrungen immer enger zu machen, vollzogen diese Entwicklung aber
nur in sehr kleinen Schritten, waren also von einer ähnlich revolutionären
Neugestaltung der Oboe, wie sie auch F.Trieber in Paris vollzog, mit sehr
enger Bohrung und modernster aufwendiger Mechanik , weit entfernt.
Einer dieser Instrumentenbauer die aus
guten Gründen an den konventionellen Mensuren (weite Bohrung, rel.
enge Tonlöcher) weitgehend festhielten war Karl Friedrich Golde (+1873)aus
Dresden. Er galt als "sehr renommierter Instrumentenmacher"der "vorzüglich
gute" Oboen baute. Er hielt sogar schriftlich fest, wie die Bohrung zu
arbeiten sei damit die Instrumente der Klangvorstellung eines warmen und
grundtönigen Tones entsprechen: "- Man erreicht dann eine kräftige
Tiefe und einen vollen Ton. Instrumente die nicht gewölbt gebohrt
sind, geben einen dünnen, näselnden Ton wie die französischen
und Wiener Oboen". Ohne ahnen zu können, dass einige Jahre später
sein Instrument zur neuen "Wiener Oboe" des 20. Jahrhunderts wurde, dokumentierte
Golde mit diesem Satz bereits damals welch tiefgreifender Unterschied zwischen
der Wiener Oboe des 19.Jahrhunderts von Koch/Sellner und der heutigen Wiener
Oboe besteht.
1880 brachte der Dresdner Oboist Baumgärtel
die Golde-Oboe nach Wien wo es der tieferen Stimmung angepasst wurde und
auch von den Wiener Oboisten übernommen wurde. Die Instrumentenbauer
Hajek später Hermann Zuleger nahmen noch zahlreiche Veränderungen
und Verbesserungen insbesondere der Klappenmechanik vor.
Der weitere Weg der Wiener Oboe soll hier
nicht weiter ausgeführt werden. Zwar wurde dieses Instrument bis heute
ständig kleineren Veränderungen unterzogen, auch die Bohrung
wurde immer wieder geringfügig enger gearbeitet, im wesentlichen jedoch
blieb die charakteristische Bohrung nach Golde bis heute erhalten!
Abgesehen von einer eigenen Grifftechnik
und einer völlig eigenständigen Mechanik stellt diese Bohrung
mit ihrem relativ großem Bohrungsvolumen heute den Hauptunterschied
zur französischen Oboe dar.
*Anmerkung: Herr Paul Hailperin, Spezialist für barocken und klassischen Oboenbau konnte aus eigener Erfahrung keine besonders ausgeglichene Intonation und Klangqualität feststellen, wie er in einer Reaktion auf obigen Artikel festhielt (Jänner 2000). Wie auch immer, ich bin der Meinung, daß zumindest der Versuch hier Verbesserungen zu erreichen, damals wie heute der Hauptgrund für die zunehmend engeren Bohrungen darstellt.
Ausführlicher Artikel zur Geschichte der Wiener Oboe
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